Wertung der Redaktion:9/10
"Spannender Thriller im Los Angeles der 40er-Jahre"
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Test: L.A. Noire - Mehr als echte Gesichter und schicke Animationen?

Test: L.A. Noire - Mehr als echte Gesichter und schicke Animationen?
Mit dem Detective-Thriller L.A. Noire wollte Team Bondi etwas ganz Neues schaffen. Ob uns der Ausflug ins L.A. der 40er-Jahre gefallen hat, erfahren Sie jetzt im Test.

Seit vielen Jahren hat Entwickler Team Bondi an dem Detective-Thriller L.A. Noire gewerkelt. Grund für die lange Dauer der Entwicklung waren die sehr aufwändigen Gesichtsanimationen, die es so noch nie in einem Videospiel zu sehen gab. In L.A. Noire lassen uns die Designer von Team Bondi in das Hollywood der 40er-Jahre eintauchen, als der weltbrühmte Schriftzug in den Hollywood Hills noch “Hollywoodland” lautete. Wir übernehmen die Rolle von Cole Phelps, der im L.A. Police Department Karriere machen möchte, dabei jedoch oft mit seiner bewegten Vergangenheit konfrontiert wird und den einen oder anderen heftigen Rückschläge hinnehmen muss. Ob sich der Aufwand, mehr als 300 reale Schauspieler vor die Kameras zu holen, 200 Stunden Dialoge einzusprechen und 180.000 Fotos von Los Angeles zu schießen, um eine realistische Nachbildung der Stadt der Engel anzufertigen, am Ende ausgezahlt hat, erfahren Sie in unserem Nachtest zu L.A. Noire.

Das finden wir gut

Gleich vorweg das wohl spannendste Thema: Die Gesichtsanimationen. Was Team Bondi mit der MotionScan-Technologie geschaffen hat, wirkt auf dem Bildschirm wirklich atemberaubend. Noch nie zuvor hat man so realitische Gesichter in einem Videospiel gesehen. Durchweg alle in L.A. Noire vorkommenden Charaktere bringen durch MotionScan glaubwürdig Emotionen rüber, was angesichts der Ermittlungen, bei denen Detective Cole Phelps die Aussagen - und dabei natürlich auch die Körpersprache der Personen - einschätzen muss, extrem hilfreich ist. Der Realismus verleiht dem Spiel aber auch das Flair eines echten Hollywoodstreifens und beim Beobachten der Dialoge merkt man gar nicht mehr, dass man hier eigentlich nur Bits und Bytes vor Augen hat. Atemberaubend!

Das Lob gilt allerdings auch für das nachgebildete L.A. der 40er-Jahre. Die Stadt, in der wir uns frei bewegen dürfen, ist riesig und das Flair wurde durchweg gut eingefangen. Selbst auf kleine Details, die der oben angesprochene “Hollywoodland”-Schriftzug in den Hollywood Hills, wurde geachtet. Angefangen bei der Kleidung der Charaktere, über die typische 40er-Jahre-Musik und die atemberaubenden US-Straßenkreuzer bis hin zu den typischen Verhaltensweisen der damaligen Zeit hat Team Bondi die Atmosphäre der 40er prächtig eingefangen. Zwar wiederholen sich die Passanten auf den Straßen von L.A. recht häufig und bei mehrfachem Abfahren einiger Strecken bemerkt man, dass die Szenerie nur darauf wartet, dass man um die Ecke biegt, insgesamt ist die “Illusion” eines lebendigen Los Angeles aber nahezu perfekt umgesetzt.

Die Geschichte um das Leben von Detective Cole Phelps wurde von den Entwicklern in 21 mehr oder weniger umfangreiche Storyfälle aufgeteilt. Während diese zu Beginn des Spiels noch relativ zusammenhangslos erscheinen, ergibt sich nach einigen Stunden Spielzeit ein schlüssiges Gesamtbild. Die Story nimmt ab dem zweiten Drittel an Fahrt auf und bietet die eine oder andere überraschende Wendungen. Wer das erste Drittel hinter sich gebracht hat und am Ball bleibt, wird also ordentlich belohnt. Insgesamt macht die Geschichte um Mord, Verrat, Moral und Bestechung viel Spaß und wirkt sehr erwachsen. Spannung pur!

Ebenfalls gut umgesetzt ist das Detective-Gameplay: An Tatort eines Verbrechens angelangt müssen wir uns nach einer kurzen Einweisung in den Fall zunächst nach Beweisen umsehen. Eine wirklich aufwändige Spurensuche ist allerdings nicht nötig, da L.A. Noire hier Hilfestellung leistet. Nähert sich Cole Phelps einem möglichen Beweis, ist für einen kurzen Moment ein Klavier zu hören oder der Controller vibriert. Die gefundenen Beweise müssen unterschiedlich gründlich untersucht werden: Während es manchmal reicht, den Beweis einfach anzusehen, muss man hin und wieder auch deutlicher hinsehen und den Beweis drehen und wenden. Alle Hinweise und Beweismittel landen in dem Notizbuch von Detective Phelps, das bei den Befragungen von Verdächtigen und Zeugen dringend benötigt wird.

Die Befragungen selbst laufen nach dem gleichen Muster ab: Wir konfrontieren unser Gegenüber mit unserem Verdacht und müssen einschätzen, ob die Antwort die Wahrheit oder aber eine Lüge ist. Auch das Anzweifeln von Aussagen ist möglich. Bei Lüge und Anzweifeln kann es sein, dass wir unsere Vermutung mit den entsprechenden Beweisen belegen müssen. Hier ist gutes Aufpassen angesagt, wenn man einem potenziellen Mörder wirklich die Tat zweifelsfrei nachweisen möchte. Hier kann man auf Basis einer dünnen Beweislage auch kläglich scheitern. Hilfe kann man z.B. durch die Intuition bekommen, mit der man falsche Antworten streichen kann. Auch die Online-Community kann bei der Beantworten hilfreich sein. Insgesamt fühlen wir uns bis auf einige Einschränkungen wie ein echter Detective. Das macht Spaß!

Das finden wir weniger gut

Zwischendurch dürfen wir auch an der anderen Seite des Lebens eines Detectives im L.A. Police Department schnuppern und müssen flüchtige Verdächtige zu Fuß oder mit dem Auto verfolgen oder einige Gangster über den Haufen schießen. Leider bieten diese Story-Abschnitte und die kleinen Nebenmissionen kaum Abwechselung und laufen im Prinzip immer nach demselben Muster ab. Spätestens nach der fünften Verfolgungsjagd durch Vorgärten und der zehnten Nebenmission, bei der wir wieder einen durchgeknallten Flüchtigen mit dem Auto zum Stehen bringen müssen, bleibt der Spaß auf der Strecke. Hier hätten wir uns von den Entwicklern angesichts des tollen Settings ein wenig mehr Vielfalt gewünscht.

Auch wenn das Detective-Gameplay Spaß macht und realistisch wirkt, hätten wir uns hier mehr Freiheiten gewünscht. Eine eigenständige Beweisführung ist hier unerwünscht. Hat man eine eigene Beweiskette gefunden, die zum Ziel führen kann, heißt das noch lange nicht, dass diese vom Spiel auch entsprechend anerkannt wird. Hier zählt offenbar nur die vorgegebene Beweiskette der Entwickler, wodurch die Verhöre ab und zu zu Ratespielen werden, was im schlimmsten Fall zu falschen Antworten führt. Mehr eigenständiges Denken wäre toll gewesen.

Unser Fazit:
Team Bondis L.A. Noire unterscheidet sich von allem, was in diesem Jahr auf den Markt gekommen ist. Die MotionScan-Technologie hat und vor Staunen die Münder offen stehen lassen, das Setting ist atemberaubend und die spannende Geschichte, die durchaus die eine oder andere Länge aufweist, wirkt erwachsen und schlüssig. Das Detective-Gameplay macht Spaß. Leider lassen uns die Entwickler aber nicht wirklich frei denken und ermitteln. Die Nebenmissionen, mit denen die Story aufgelockert werden soll, fallen leider recht eintönig aus. Trotzdem macht die Mischung aus GTA, Heavy Rain und etwas ganz Neuem jede Menge Spaß und sollte einmal in jeder Konsole gelegen haben.